Ein Stück des Weges

Esslingen: Linda Wortmann veröffentlicht ihren dritten Roman

„Zufall“, „Absicht“ und „Recherche“ – mit einer spielerischen Wortkaskade aus diesen drei Begriffen heißt Linda Wortmann den geneigten Leser auf ihrer Homepage willkommen. Um Zufall, Absicht und Recherche geht es auch im neuesten, mittlerweile dritten Roman der Esslinger Autorin. „Nur weil der Wind sich drehte“ (Mauer-Verlag Rottenburg, 15.80 Euro) erzählt die Geschichte von Vera Marten, einer leidenschaftlichen Hobby-Autorin, die durch eine zufällige Begegnung veranlasst wird, ihr Leben tiefgreifend zu ändern.
Vera Marten ist Mitarbeiterin in einem Verlag für Reiseliteratur. Während sie dort die Texte anderer Autoren korrigiert, Berichte umformuliert und Geschriebenes vor der Veröffentlichung in Form bringt, schreibt sie in ihrer Freizeit selbst. Moderne Lyrik, kurze Geschichten und ein ausführliches Tagebuch. Als sie an einem Abend den Bus verpasst, begegnet ihr beim Warten eine junge Frau, mit der sie ins Gespräch kommt, bis ein Schrei aus dem Dunkel die beiden aufschreckt. Vera Marten beschließt, diese aufregende Episode zum Ausgangspunkt ihres ersten Romans werden zu lassen. Vielen Sätzen und Sprachbildern Linda Wortmanns merkt man an, dass sie auch Lyrikerin ist und Gedichte schreibt. Da gibt es spielerische Formulierungen wie „der vom Wind zerpustete Fieselregen“, stark verdichtete Gedanken und jede Menge poetischer Wendungen, wenn sie „eine Luke im Tiefgeschoss ihrer Seele öffnet.“

Sei es Zufall, sei es Schicksal

In Ich-Form lässt Linda Wortmann Vera Marten erzählen. Viele unterschiedliche Geschichten klingen an, sind sorgfältig recherchiert und liebevoll ausgestaltet und fügen sich am Ende zusammen – sei es Zufall, sei es Schicksal. Da ist Veras wunderbare Liebe zu ihrem Ehemann Alfonso, einem Teilchenphysiker, der behutsam ihr Interesse an dieser nur vermeintlich so spröden Wissenschaft weckte und dessen früher Tod sie beinahe aus dem Gleichgewicht gebracht hätte. Da ist die nicht stimmige Liebesbeziehung zu Pater Georg, einem katholischen Geistlichen. Da ist das anregende Zusammentreffen mit der Weltenbummlerin Yvonne. Da ist die zarte Freundschaft zur Schriftstellerin Jenny Hard, die in ihren Texten „das Wort ’ich‘ so zwanghaft umschifft, dass man sich nach ihm sehnt“. Da ist die Neugier auf die Bewohner von Haus Sternenhalde, einem Wohnheim für geistig Behinderte. Und da ist die erfüllende Begegnung mit der jungen pakistanischen Autorin Sakina Bano Masrur, deren Aufzeichnungen Vera überarbeitet. Linda Wortmann hat für ihren Roman all diese Menschen sehr genau beobachtet, sie hat sich in ihre Beweggründe eingefühlt und gemeinsam mit ihrer Protagonistin Vera Marten hat sie sie ein Stück ihres Weges begleitet.


( Von Gaby Weiß, Rezension: Esslinger Zeitung vom 16.4.2010)

 

Rezensionen und Rückmeldungen zu Linda Wortmanns Romanen:

Linda Wortmann, in Esslingen a.N. als Sonderschullehrerin, Theaterlehrerin und Autorin tätig und Mitglied der Künstlergilde seit 1995, kann bereits auf mehrere Lyrikveröffentlichungen und Preise zurückblicken. Sie ist bekannt für ihr Engagement in der Entwicklungshilfe und ihren Einsatz für sozial Benachteiligte und ins Abseits Gestellte. Es überrascht daher nicht, wenn sie sich auch in ihren neuen Romanen mit dieser Thematik beschäftigt, mit dem „ganz normalen Alltagsirrwitz“, wie es im Klappentext zu „Verfahren: Bernd Greeger“ heißt, „durch das soziale Brennglas – also irgendwie moralisch“ betrachtet.
In „Verfahren: Bernd Greeger“, geht es um eine Problematik, die in der Öffentlichkeit wenig präsent ist. Die Autorin befasst sich mit den Schwierigkeiten, die bei der Einschulung entwicklungsauffälliger Kinder auftreten, mit einer „gut gemeinten, aber manchmal verhängnisvollen Zuordnung der Kinder ins Lernsystem“ und den Folgen in den betroffenen Familien. Linda Wortmann besitzt nicht nur fundierte Sachkenntnis, sie beobachtet genau und schildert ihre Protagonisten mit psychologischem Gespür und Liebe zum Detail, manchmal mit Augenzwinkern über die allgemeinen menschlichen Unzulänglichkeiten.
Der andere Roman führt in das Innenleben einer altersverwirrten Frau, Ella Büngert, einer ehemals gefeierten Schauspielerin, die jetzt im Altenheim lebt. Erinnerungsfetzen und Phantasien mischen sich bei ihr mit Bühnenrollen in vollkommener Identifikation mit erfundenen Gestalten; sie wechseln mit Alltagseindrücken, die bisweilen sehr klarsichtig wahrgenommen und mit einer Altersweisheit kommentiert werden. Dem Leser, der sich darauf einlässt, dieses Kaleidoskop zu betrachten, und die Farbigkeit auf sich einwirken lässt, bietet sich eine Art Lebensquerschnitt, dessen Facetten veränderbar, immer wieder anders und neu zu deuten sind. Als Beispiel für viele aussagekräftige Stellen sei die Passage erwähnt, in der darauf hingewiesen wird, dass sich manche Fenster nach innen, andere nach außen öffnen lassen. „Es macht einen Unterschied für dein Lebensgefühl, ob du morgens beim Öffnen der Fenster den Tag hereinziehst in dein Zimmer oder den Rest der Nacht hinausschiebst.“ Eine nachdenkenswerte Aussage, fast eine Lebensphilosophie, und nicht nur dann anzuwenden, wenn es darum geht, ein Fazit zu ziehen.
Ein weiterer Hinweis soll nicht fehlen. Linda Wortmann erhielt für Auszüge aus beiden Manuskripten 2002 bzw. 2004 jeweils einen Literaturpreis der Künstlergilde.
                                                            (Johanna Anderka, Die Künstlergilde, Heft 1, 2006)
                                                                                               

Prosapreis der Künstlergilde Esslingen:
… Es war ein facettenreiches Angebot aus der heutigen deutschen Literatur …
Am besten gefiel mir der Auszug aus der Novelle von Linda Wortmann, die den ersten Preis für Prosa bekommen hatte. Die Schriftstellerin erzählte mit ergreifender Gefühlskraft über das Schicksal einer alten Frau im Pflegeheim. Fehlender Humanismus in unserer heutigen Konsumwelt – das klang aus den Sätzen des Prosatextes.
                                                            (Stefan Valentin, Signale, Budapest, 21.Jahrg,. Nr.1, 2004

Nur in der Ruhe kommen die Bilder
Esslingen: Literatur mit Blick durchs soziale Brennglas – Linda Wortmann arbeitet gern an zwei Büchern gleichzeitig

Gleich zwei Bücher hat Linda Wortmann jetzt in kurzem Abstand veröffentlicht: Bewegend schildert die Esslinger Autorin die letzten Wochen der einst gefeierten, jetzt altersverwirrten Schauspielerin Ella Büngert, und ebenso einfühlsam erzählt sie, wie die Entdeckung der Entwicklungsauffälligkeiten des kleinen Bernd Greeger kurz vor der Einschulung seine Familie vor eine Zerreißprobe stellt. Ganz bewusst hat die Sonderschulpädagogin, Theaterlehrerin und Kabarettistin parallel an diesen so beiden unterschiedlichen Büchern gearbeitet.
„Man kommt gar nicht erst an den Punkt, sich ausgebrannt zu fühlen oder nicht mehr weiter zu wissen“, lobt Linda Wortmann die Vorzüge ihrer für Literaten ungewöhnlichen Vorgehensweise. Immer, wenn die eine Geschichte ins Stocken geriet, wechselte Linda Wortmann zur anderen. „Da kriegt man Abstand und immer wieder einen neuen Zugang.“ Nach der Veröffentlichung der beiden ersten Bücher im Rottenburger Mauer-Verlag arbeitet sie bereits an den nächsten Geschichten – natürlich wieder gleichzeitig.

Frauen-Figur rührt zu Tränen
„Ich liebe meine Leserinnen und Leser, weil sie sich Zeit nehmen, meine Texte zu lesen und sich mit meinen Gedanken auseinanderzusetzen. Die hätten ja auch etwas ganz anderes mit ihrer Zeit anstellen können: Sich um ihre Wellness kümmern oder eine Weinprobe machen“, sagt die Autorin und lacht. Die Wirkung ihrer Bücher überrascht sie immer wieder. „Mit der Veröffentlichung gibt man das Buch aus der Hand und weiß nicht, was der Leser daraus macht.“
„Ella Büngerts Traumakte“, war als skurriles, heiteres Gegenbuch zur Entwicklungsgeschichte „Verfahren: Bernd Greeger“ gedacht. Bei Lesungen, so hat Linda Wortmann beobachtet, rührt das Schicksal der alten Dame die Menschen jedoch zu Tränen. „Ich wollte eine Frauenfigur schaffen, die intelligent ist und bei der trotz der Verschiebung der Wahrnehmung durch die Demenz eine beeindruckende Klarheit immer wieder durchschimmert.“

Tägliches Schreiben ist keine Arbeit
Schreiben sei für sie keine Arbeit, sie brauche es zum Leben, betont Linda Wortmann, die schon als ganz kleines Mädchen selbst Gedichte und Kirchenlieder geschrieben und auf den Dachböden der Bauern in deren Bücherschätzen geschmökert hat. Bevor sie an der jeweiligen Geschichte weitermacht, schreibt Linda Wortmann zum Warmmachen eine halbe Stunde lang einfach drauflos. Das Schreiben am Computer erlaubt es der mit sich selbst sehr kritischen Autorin, viel am Stil ihrer Texte zu tüfteln. Zwei bis drei Stunden täglich nimmt sie sich Zeit zum Schreiben.
Und in der heißen Phase steht sie schon mal morgens um drei auf: „Nur in der Ruhe kommen die Bilder.“ Linda Wortmann lässt in ihren bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Szenen die Leser in die Köpfe ihrer Protagonisten gucken. „Ich packe in meinen Büchern Leute gern in Schubladen, um sie gleich darauf wieder herauszureißen.“ Fast quälend ausführlich beschreibt sie etwa den Prozess des Gemustert-Werdens, als es um die Feststellung der Schulfähigkeit Bernd Greegers geht. Wie für „Ella Büngerts Traumakte“, für die der Fall einer in einem Esslinger Altenheim verschwundenen Bewohnerin, die später im Haus tot aufgefunden wurde, Anlass war, verarbeitet Linda Wortmann viele authentische Fakten, „auch aus der Esslinger Zeitung“. Aber auch Selbsterlebtes, Geschichten, die Menschen ihr anvertrauen, und jede Menge poetisch bearbeitetes Lokalkolorit bringt sie zu Papier.
„Esslingen ist für mich ein Stück Heimat geworden“, erzählt sie, die in Thüringen geboren, in Oberfranken und Bremen aufgewachsen ist und die 1969 gemeinsam mit ihrem Mann, einem Kinderarzt, nach Esslingen kam. Hinter Linda Wortmanns Büchern steckt immer ein moralisches Anliegen: „Da stehe ich dazu. Das Zeitgemäße, Gesellschaftliche und der Blick durchs soziale Brennglas sind mir wichtig“, betont die Autorin, die mit ihrem Mann schon auf den Philippinen, in Bangladesch und im Himalaja in Sachen Entwicklungshilfe unterwegs war.

Kinder stärken
Soziale Themen liegen ihr am Herzen – und immer wieder die Kinder, mit denen sie sich als Lehrerin und als Autorin zahlreicher Fachbeiträge befasst: „Alle fordern mehr Kinder. Aber Kinder brauchen Hingabe. Und viele Kinder brauchen besondere Unterstützung.“ Aber gerade in der Arbeit und im Zusammensein mit entwicklungsverzögerten Schülern hat Linda Wortmann erfahren, „wie faszinierend es ist, wenn man Kinder stärken kann, die sonst immer nur hören, was sie alles nicht können.“
                                                                                                Gaby Weiß, Esslinger Zeitung

 

Eltern mit normal begabten Kindern können sich das nicht vorstellen
Liebe Linda,
gestern habe ich Dein Buch „Verfahren: Bernd Greeger“ ausgelesen. Da will ich Dir doch schnell meine Eindrücke mitteilen, solange sie noch frisch sind.
Die Geschichte fand ich sehr spannend geschrieben, was ich bei dem Thema nicht erwartet hätte. Überzeugend sind Deine Beobachtungen der Kinder  und der unterschiedlichen Lebensumstände der Eltern. Auch wie der Selbstwert der Mutter sinkt mit den Entwicklungsproblemen des Sohnes und alle Facetten ihres Lebens beeinträchtigt, ist nachvollziehbar.
Eltern mit normal begabten Kindern können sich nicht vorstellen, wie weitgehend die Probleme sind für Eltern, deren Kinder nicht der Norm entsprechen. Das sage ich mit Blick auf meine so unterschiedlichen Enkel.
Deshalb ist Deine Studie besonders wichtig.
… Ich könnte mir Deinen Roman sehr gut als Fernsehskript vorstellen. Bildlich ist genug Material, die Dialoge spritzig und das Thema sehr lehrreich. Hast Du das Manuskript mal dem ZDF und anderen Fernsehredaktionen angeboten?

Weiterhin viel Spaß beim Schreiben und herzliche Grüße
Ursula Neubauer, Amsterdam

 

Auf einer Postkarte aus Madeira:
Liebe Frau Wortmann,
vielen Dank noch einmal für das Buch über Ella Büngert, das mich ebenso durch seine großartige Sprache wie durch die gedankliche Leistung beeindruckte, mit der sie sich in die Lage dieser Frau hineingedacht haben.

Herzliche Urlaubsgrüße
Dieter Klöckner